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Erfahrungsberichte aus dem Ehrenamt

Auf dieser Seite stellen wir gern Berichte über Erfahrungen und Erlebnisse in der Begleitung sterbender Menschen.


Das könnte ich nicht! - Wirklich?


Wenn ich davon erzähle, dass ich mich als ehrenamtliche Hospizhelferin engagiere, Sterbende auf ihrem letzten Weg begleite und Angehörigen beistehe, dann bekomme ich sehr oft zu hören "Das ist so toll, dass Du das machst, aber ich könnte das nicht". Das kann ich verstehen, denn auch mir ging es einst so. Der Tod ist etwas so großes, so ultimatives und er scheint so fern - und er ängstigt uns. Wie wird es einmal sein, wenn ich selbst im Sterben liege? Am liebsten doch nach einem langen erfüllten Leben, ohne langes Leiden einfach einschlafen!

Doch wie wird es sein, wenn unausweichlich mir liebe Menschen sterben werden - meine Eltern, Onkel, Tante, liebe Freunde? Bloß nicht darüber nachdenken, nicht heute, morgen vielleicht.

Genauso ging es mir, bis sich von heut auf morgen alles änderte. Gebärmutterhalskrebs - mitten im Leben, mitten in den Vorbereitungen zu meiner Hochzeit. Die lange Zeit im Krankenhaus, auf der Krebsstation, hat mich zum Nachdenken gebracht. Dabei ging es nicht einmal um mich, denn in mir war immer der tiefe Glaube daran, dass ich das schaffe. Aber da war die junge Mutter, die wusste, dass sie sterben würde, da war eine alte Frau, die nie Besuch bekam und immer davon erzählte, wie gern sie sich mit ihrem Bruder noch aussöhnen wolle. Und da waren meine Kinder, die nicht verstanden was mit ihrer Mutter passierte und denen die Angst, ich könne sterben und für immer verschwinden, in den Augen geschrieben stand.

Hier wurde mir bewusst, der Tod ist nicht irgendwann, nicht in weiter Ferne, sondern er ist hier, mitten im Leben. Mir wurde klar, Leben und Tod gehören zusammen. Durch das Wissen um mein Ende wird das Leben auf einmal sehr viel wertvoller. Was ich erlebt und miterlebt hatte, lies mich nicht mehr los. Ich wollte mich einbringen, wurde Mitglied im Hospizverein und machte selbst die Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospizhelferin. Gehalten und gestärkt im Kreis Gleichgesinnter ließ ich mich darauf ein meine Tiefen auszuloten, stellte mich meinen Ängsten und fand meine Stärken. Ich lernte viel - über Phasen des Sterbens, über Kommunikation und übers Schweigen können. Während meines Praktikums besuchte ich im Altersheim eine wunderbare Frau, sie war damals 101 Jahre alt und blickte auf ein volles Leben zurück. Sie sagte mir damals etwas, was ich mir tief in mein Herz geschrieben habe: "Wenn die Zeit gekommen ist, dann ist sie gekommen, egal ob jemand so alt ist wie ich oder ob er noch mitten im Leben steht. Die letzten Schritte, die muss jeder allein gehen, aber bis zu dieser Tür möchte niemand einsam sein."

Ich bin jetzt seit 13 Jahren Sterbebegleiterin und genau genommen bin ich eher Begleiterin in einer sehr intensiven, verdichteten Zeit des Lebens. Meine anfängliche Angst, dass ich doch gar nicht wüsste, was ich sagen soll, die war schnell verflogen. Nie verfliegen wird aber mein Erstaunen darüber, wieviel Leben, Hoffnung und auch Lachen mir immer wieder begegnet - auf diesem letzten Weg. Es gibt aber auch Ängste, Trauer, offene Fragen, Dinge die noch erledigt werden müssen oder solche, die nicht mehr erledigt werden können. Auch damit muss ich umgehen. Ich kann Fragen beantworten, weil die Ausbildung mich darauf vorbereitet hat, ich kann tröösten, zuhören und einfach da sein. Und was am wichtigsten ist, ich weiß wo meine Grenzen sind. Immer wenn ein Mensch stirbt, dann bin auch ich traurig, ich fände es schlimm, wenn es nicht so wäre. Aber ich bin nicht allein. Im Kreis meiner Mitstreiter kann ich besprechen, was mich bedrückt und traurige, wie auch schöne Erfahrungen teilen.

Hospizhelferin zu sein, ist für mich eine erfüllende Aufgabe und Dienst am Leben.


Elisabeth Simmchen

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